Bericht aus Gaziantep

Gaziantep ist die Stadt, die wir nicht kennen würden. Das unglückliche Schicksal von 9 Ludwigshafenern, die 2008 bei einer Brandkatastrophe starben und in ihrer Heimatstadt Gaziantep beigesetzt wurden, hat uns zusammengeführt. Aus der gemeinsamen Trauer erwächst eine Städtefreundschaft, und die erste große Reise von Ludwigshafenern nach Gaziantep im Mai 2011 hat zum Ziel, die 2009 erklärte Freundschaft mit Leben zu füllen.

Fast 50 Ludwigshafener – Offizielle, interessierte Bürger und eine Schülergruppe – erleben eine moderne türkische Millionenstadt, deren boomendes Wachstum uns in großem Maßstab vor Augen führt, wie Ludwigshafen in seiner Jugend vor kaum 100 Jahren gewesen sein muss. Gleichzeitig ist Antep, die „reine Quelle“, eine uralte Siedlung in der Euphratregion mit einer reichen und wechselhaften Geschichte.

Beides durften wir erleben, als wir zwei Tage lang – am 18. und 19. Mai 2011 – von einem engagierten Team der Stadtverwaltung Gaziantep durch die Stadt geführt wurden. Den Bogen zwischen Moderne und großer Vergangenheit konnten wir gleich zu Beginn im neuen Mosaikmuseum schlagen. Wenige Tage vor der offiziellen Eröffnung gehörten wir zu den ersten Besuchern, die Bodenmosaiken der römischen Stadt Zeugma bestaunen durften. Einige Kilometer östlich von Gaziantep liegt das Gebiet der Stadt heute unter den Wassern des Atatürk-Staudamms; die prächtigen Mosaike wurden bei Rettungsgrabungen in den letzten Jahren geborgen. Das populär „Zigeunermädchen“ genannte Abbild eines Gesichts ist zum Markenzeichen der Stadt geworden, mit dem Zeugma-Museum hat Gaziantep einen touristischen Glanzpunkt erhalten.

Folkloristische Klänge und volkstümliche Tänze empfingen uns kurz darauf vor dem Gaziantep Kolej Vakfi Özel Okullari. Die frisch gebackene Partnerschule der Integrierten Gesamtschule Ludwigshafen-Gartenstadt wird von einer Stiftung getragen und führt vom Kindergarten bis zum Abitur. Die offizielle Delegation und die Bürgergruppe bekamen eine moderne, gut ausgestattete Schule zu sehen. Wie überall in der Türkei sind hier Schuluniformen üblich und wie die Ludwigshafener Schüler berichteten, wird den Lehrern viel Respekt entgegengebracht. Die Gruppe aus der IGS Gartenstadt wurde sehr herzlich empfangen, und der Austausch der beiden Schulen verspricht ein Pluspunkt der Städtepartnerschaft zu werden.

Wahrzeichen der Stadt Gaziantep ist die Burg; heute ein Museum. Begründet wurde sie schon in der Spätantike von oströmischen Kaisern. Heute beherbergt sie ein Museum, das an den „Befreiungskrieg“ der Türkei erinnert: Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg wurde Gaziantep von den Franzosen besetzt und in einem blutigen Aufstand von der Besatzung befreit. Den damals von Kemal Pascha verliehene Ehrentitel „Gazi“ – zu deutsch Veteran oder Held – trägt die Stadt seitdem im Namen.

Die Geschichte Gazianteps können wir in kleineren und größeren Museen kennen lernen. Im renovierten kleinen Glasmuseum gegenüber der Burg ist antike Glaskunst zu sehen; im Stadtmuseum können wir uns mit der Entwicklung der Stadt, mit ihrer Kultur und Handwerk, den Spezialitäten und den modernsten Errungenschaften vertraut machen.

Gaziantep ist für sein Kupferhandwerk berühmt, und der große Kupferbasar zählt zu den touristischen Anziehungspunkten. Die Stadt Gaziantep baut an allen Ecken und Enden, und sie hat in den letzten Jahren ihr historisches Erbe entdeckt und aufpoliert. Die Altstadt, die Kulturmeile mit vielen Karawansereien und kleinen Museen und eben der Kupferbasar haben davon profitiert und empfangen die Gäste der Stadt in neuem Glanz.

Am Empfang zum Abendessen spüren wir es: Wir sind in Begleitung der beiden Oberbürgermeister unterwegs; und die Stadt Gaziantep setzt alles daran, dem Auftakt der Städtepartnerschaft Glanz zu verleihen. Dabei ist der Rahmen allein schon staunenswert: Wir sind in einer alten Karawanenherberge, in der heute eines der schönsten Restaurants zu Hause ist. Die Küche von Gaziantep sieht sich auf einer Höhe mit der Italiens und Frankreichs; nicht nur Lahmacun und Baklava stammen von hier, sondern viele türkische Spezialitäten mehr. Das Essen hier ist variantenreich und überaus lecker, und wir waren mittags und abends dazu eingeladen, uns davon überzeugen.

Unser Glück will es, dass wir am zweiten Tag in Gaziantep den türkischen Nationalfeiertag erleben; den Tag der Jugend und des Sports. Die ganze Stadt ist geschmückt, und im Stadion finden sich die Stadtoberen, viele Familien und Tausende von Kindern und Jugendlichen ein. Gouverneur, Militärbefehlshaber und Oberbürgermeister eröffnen den Tag gemeinsam; traditionell sind aber Kinder und Jugendliche die Hauptredner und wichtigsten Akteure. Die Abfolge von Ansprachen, Sportvorführungen und Tänzen atmet den Geist der türkischen Republik und ihrer von Kemal Atatürk geprägten Verfassung.

Die Stadtkapelle gehört heute zu unseren Wegbegleitern, und sie spielt für uns, als wir vor dem Rathauseingang vorfahren. In den Amtsräumen des Oberbürgermeisters wird von Asim Güzelbey und seiner Ludwigshafener Kollegin Eva Lohse offiziell gewürdigt, was wir hier erleben dürfen: Die großzügige Gastfreundschaft und die Herzlichkeit unserer Betreuer von der Stadtverwaltung Gaziantep sind die beste Ausgangsbasis dafür, dass die junge Städtefreundschaft ein Erfolgserlebnis wird.

Auch vor dem nagelneuen Planetarium begrüßt uns die Stadtkapelle. Gaziantep ist eine kinderfreundliche Stadt und gibt diesem Anspruch mit einer ganzen Reihe neuer Einrichtungen Ausdruck, zu denen auch ein Vergnügungspark, der Zoo und ausgedehnte neue Parkanlagen gehören. Im Planetarium gibt es auch einen physikalischen Mitmachparcours für Kleine und Große. Die Kunstausstellung von Jugendlichen aus verschiedenen Ländern, die wir besuchen, gehört zum Programm des Tags der Jugend und des Sports.

Gaziantep hat einen Nijmegen-Boulevard und einen Duisburg-Boulevard. Die jüngste Städtepartnerschaft wird auf andere Art geehrt: Umweit des Friedhofs, auf dem die neun Ludwigshafener Brandopfer 2008 beerdigt wurden, liegt der ein Jahr später eingeweihte Ludwigshafen-Park. Alles ist noch frisch, aber es wächst und gedeiht hier eine grüne Oase in der großen Stadt. Der traurige Anlass, der Ludwigshafen und Gaziantep zusammengeführt hat, ist nicht vergessen. Es entsteht jedoch etwas Neues und Hoffnungsvolles daraus: Eine Städtefreundschaft, die Deutsche und Türken und Deutschtürken miteinander verknüpft, die über gemeinsame Interessen und Vorhaben für ein besseres Verständnis sorgt, die auch in unserer Stadt Ludwigshafen mit ihren vielfachen und bisher unentdeckten persönlichen Verbindungen nach Gaziantep das Miteinander verbessert.

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